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Wie Ingwer bist du
Leseprobe: Sylvia Frey Werlen, Wie Ingwer bist du, Liebesgedichte



I Unbehaust

Diese Liebe sucht sich einen Namen
für ein Etwas
zwischen ihm und ihr


Unbehaust

Da gibt es eine Liebe
die kein Haus hat
und kein Türschild

Sie hat keinen Platz
an der Seite des andern
Nicht beim Fest
und nicht bei der Beerdigung

Diese Liebe
sucht sich einen Namen
und einen Windschutz
für ein Etwas
zwischen ihr und ihm


Grund zum Feiern

Du bist wiedergekommen
und ich auch

Wir sitzen am Tisch
Wir sehen uns
unser Zittern vor dem Kampf
und unser Strahlen danach

Herb und sorgsam
sind unsere Schläge
Weit der Raum
den wir uns geben
und zart die Hand
hier und dort

Aufleuchten können Worte
die wir darauf finden
für das was lebt
zwischen dir und mir

Feiern wir


II Der Sturm

Den Sturm hast du mir gesandt
Er hat meine Räme leergefegt


Nichts gemacht

Heute habe ich nichts gemacht
Aber einiges hat sich in mir getan

Magnetnadeln haben sich lautlos
neu ausgerichtet

Ein verdorrtes Blatt
ist heruntergefallen

Ein verlorener Schatten
ist wieder da

Ein Kraut ist durch Risse im Beton
gewachsen

Verschwommenes hat sich im Spiegel
scharf gezeichnet

Und lange Umkreistes hat sein Wort gefunden


III Mann mit Haus

Plötzlich ist er da
der Mann im Keller
am Küchentisch
in meinen Armen


Mann mit Haus

Er trägt ein Haus
auf dem Rücken
Er schwitzt
Er kommt von weit her

Wo stellt er sein Haus hin?

Nicht in meinen Garten
sagt sie zu ihm
Ich brauche Platz
für die Nachtkerzen

Was wenn in seinem Haus
Licht ist
für ihre Nacht?


Am Morgen

Auf dem Fenstersims
duftet die Morgensonne
im struppigen Lavendel

Der Schrei
der sich löste und davonflog
hängt rot in den Ästen der Kastanie

Und unter der Decke ist noch
das Restchen Wärme
vom Arm der sie hielt
während die Katze in den Wolken vorbeizog



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