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Seelenfenster
Leseprobe: Sylvia Frey Werlen, Seelenfenster, Vom Sterben der Eltern und der Chance, ihnen dabei neu zu begegnen



Abschied von Mama

Worte finden
War jetzt die Zeit, um miteinander zu reden? Aber wie schwer das war! Mama verlor immer wieder mitten im Satz die Worte. Und ich? Ich sehe mich noch, wie ich mit der Teetasse in der Hand im Türrahmen stehenbleibe. Ich möchte noch etwas sagen. Aber ich weiss nicht wie und eigentlich auch nicht was. Da merke ich plötzlich, dass ich auf ein Loch von ungesagten Worten starre und dabei, dicht daneben, die Sprache hinter der Sprache übersehe. Die Sprache, die sich in kleinen Gesten und Andeutungen ausdrückt - und auch im Schweigen.
Mein Vater sitzt wieder verloren in der Stube vor seiner Zeitung. Ob er nicht ein wenig zu Mama gehen wolle? Was er denn da machen müsse? Ihr einfach ein wenig die Hand halten. Dankbar schaut er mich an und geht. Seit ich mich erinnern kann, haben sich die zwei nicht mehr die Hand gehalten.

Grossmami ein Baby?
Meine vierjährige Tochter schaut gebannt zu, wie ich Mama etwas zu trinken einflösse. Das Kind streichelt die Hand. Und die alte, geäderte Hand sucht ihrerseits die kleine Patschhand. Auf dem Heimweg fragt meine Tochter: "Du, warum wird Grossmami wieder ein Baby?"
Schwer atmend liegt die Frau da, die fast durchsichtig geworden ist. Wie lieb ich Mama habe. Im Sommer hat sie einmal zu mir gesagt: "Du musst nicht gut reden, nur herzlich." Jetzt verstehe ich, was sie gemeint hat.


Abschied von Papa

Die Wege werden kürzer
Deine Wege werden immer kürzer
Dein Raum immer enger
Zum letzten Mal bist du in den Zug gestiegen
und in die Ferien gefahren
Du hast das Tram genommen
und bist jassen gegangen
bis dir die Karten aus der Hand gefallen sind
Dann schreibst du der Post einen Brief
hebst das Postfach auf
Der Weg zur Post wird zu weit
Noch reicht es bis zum Gartentor
Und jetzt
geht's auch nicht mehr bis zum Sofa

Sterben als spüren müssen, wie die eigenen Kreise immer enger werden, ich meine Reviere nicht mehr halten kann, andere für mich entscheiden, handeln, - leben. Rückzug, loslassen müssen. Vielleicht ist es auch ein Endlich-loslassen-dürfen, ein Sich-konzentrieren-können auf das, was jetzt noch wesentlich ist. Weshalb sollte es jetzt noch wichtig sein zu wissen, ob es Montag oder Freitag ist?

Champagner
In den folgenden Tagen nimmt Papa Abschied von uns und einigen engen Freunden, jeweils mit einer Flasche Champagner. Auf der Küchenterrasse stehen die leeren Flaschen in einer Reihe. Ein eigenartiges Sterbehaus.


Räumen des Elternhauses

Das Schuhkästchen
Wir gehen nachdenklich durchs Elternhaus, das uns nun so leer vorkommt. Jedes Ding hatte hier von jeher seinen Platz: Das Barometer im Herrenzimmer, an das Papa und Mama so oft geklopft haben, um zu schauen, ob sich das Wetter ändert. Das handgemalte Blumenbildchen über Mamas Secrétaire oder das Schuhkästchen im Gang. Seit wir uns erinnern können, steht links oben die Schachtel mit den braunen und schwarzen Schuhbändeln. Sie war nie woanders.
S'isch halt immer eso gsy.
Auf dem Schuhkästchen sehe ich einen hellen Fleck. Jemand hat das kupferne Sieb, das immer dort stand, schon mitgenommen. Die alte Ordnung, die Ordnung der Eltern fängt an, sich aufzulösen.
"Wenn wir einmal sterben, so habt ihr schon alle euere Möbel", hast du Mama ein paar Mal gesagt. Was von all den Dingen wird einen Platz in meinem Haus, in meiner Ordnung finden?


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