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Das Haus im Haus
Leseprobe: Sylvia Frey Werlen, Das Haus im Haus, Von Trennung und Scheidung - und einer neuen Geborgenheit unter zwei Dächern



Blicklos
Serge, die Kinder und ich haben mit einer anderen Familie zusammen ein paar Tage in einem Bauernhaus verbracht. Wie wir zurückkommen ist mir elend zu Mute. Das andere Paar hat sich angelacht, sich geneckt, zwischendurch auch mal gestritten. Es war Leben zwischen ihnen beiden. Wir haben uns nicht mal angesehen.
Wir spüren, dass vieles nicht gut ist. Aber wir wissen nicht, wie wir es ändern können.

Der Auszug - Jetzt ist es so weit
Donnerstagmorgen. Um elf Uhr will Serge mit einem Freund zusammen seine Möbel holen kommen. Ich rufe beim Coiffeur an. Wie ich den Hörer hinlege, stutze ich: Was habe ich gerade zu ihm gesagt: "Ich will vorbeikommen, um meinen Kopf zu schneiden?" Ist mir so elend zumute? Andri kommt herein. Er hat dem Papi geholfen, seine Handwerkskiste hinauszutragen. Anne-Lea schliesst die Haustüre hinter sich. Sie hat dem Papi noch lange nachgewinkt. Wir setzen uns auf den Boden in der Stube. Halten uns fest. Weinen. Andri schaut unsicher zu uns herüber. Dann reicht er uns seinen kleinen Bären.

Ein Abschiedsessen
Wir wollen am nächsten Abend noch ein kleines Abschiedsessen machen, zu dem wir alle etwas beitragen. Doch dann ist die Luft in der Küche zum Schneiden dick. Serge hantiert mit fahrigen, harten Bewegungen am Herd, die Kinder geraten sich beim Tischdecken in die Haare. Ich rühre zum x-tenmal die Salatsauce. Das gibt mir ja ein rechtes Abschiedsfest! Doch plötzlich höre ich:
"Wäge dämm muesch du nit trurig si wäge däm, wäge däm, wäge däm. Es chönt jo no vil schlimmer sy wäge däm, wäge däm, wäge däm."
Andri hat sich auf das Mäuerchen der Durchreiche zur Stube hin gesetzt und singt! Anne-Lea setzt sich neben ihn und singt mit. Da schauen Serge und ich uns an und wir müssen lachen. Jetzt können wir uns alle zusammen an den Tisch setzen. Und es wird ein traurig-fröhliches Essen.

Flügel
Als die Kinder schlafen, gehe ich mit einem schweren Gefühl ums Herz in die ausgeräumte Mansarde hinauf. Aber, eigenartig, als ich in dem leeren Zimmer stehe, atme ich auf. Das ist jetzt mein Raum. Jetzt kann ich - endlich - die Flügel ausbreiten, in meinem Haus.

Ohne Mantel
Wenn aber alle andern als Paare kommen, fühle ich mich wie eine "halbe Portion". Es ist, wie wenn mir der Mantel " verheiratete Frau" weggenommen wurde. Und ein neuer ist noch nicht nachgewachsen.

Montagmorgen
Seit bald fünfzehn Jahren kommt Serge einmal pro Woche nach Basel. Er kocht dann für uns. Er stellt seine Einkaufstasche mit Gemüse und Fleisch fürs Mittagessen auf den Küchentisch und sucht ein Messer zum Rüsten. Ich stelle - wie so oft an einem Montag - den Korb mit der frischgewaschenen Wäsche neben den Küchentisch, setze mich und fange an, Tücher zusammenzulegen, während Serge sich ans Rüsten macht.
Ich sage: "Weisst du noch, wie du damals, als du weggegangen bist, gesagt hast: 'Ich möchte die Kinder bei mir haben. Aber an ihnen reissen, das wollen wir nicht.' Da habe ich geantwortet: 'Wer weiss, wenn sie ihre Grundausbildung hier in Basel fertig haben, ziehen sie vielleicht einmal zu dir.' Und jetzt ist es so, Anne-Lea wohnt nun im gleichen Haus wie du!"

Dicke-Luft-Maschine und Nörgelorgel
Ich erinnere mich: Wir sitzen am Küchentisch. Ich drehe an einer quäkenden Nörgelorgel: Mach doch endlich, sei endlich... Serge sitzt mit abweisendem Gesicht vor seinem Computerheft. Vor sich hat er seine Dicke-Luft-Maschine stehen, aus der stickige Schwaden kommen: Lass mich in Ruh... Was geht mich das an...Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich dir, Serge, wie eine Katze das Gesicht zerkratzt hätte. Dann hättest du vielleicht meine Wut und Hilflosigkeit spüren können und ich deine Wut und Hilflosigkeit. Aber das macht man nicht. Ich konnte so die (verzweifelt) Überlegene bleiben. Und du der (hilflos) Gelassene?

Die Entscheidung
Wenn Serge und ich jetzt zurückschauen, so sehen wir, dass uns trotz Trennung und Scheidung etwas verbindet. Jeder von uns zwei hat – unabhängig vom andern – sich entschieden, unsere Spannungen nicht auf Kosten der Kinder auszutragen. Wir haben das beim andern gespürt. So hat Achtung und Freundschaft wieder wachsen können.


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